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Misstraue der Idylle


„Gehege der Sehnsucht“!

Tatsächlich sehen wir gleich im Eingangsbereich ein Gehege mit Rehen, auf das wir unsere Sehnsüchte ausrichten könnten. Diese Rehe, die sich in der Videoinstallation unbeobachtet fühlen und in aller Ruhe äsen. – Ist dies das „Gehege der Sehnsucht? Wie herrlich: Da weiden diese wunderbaren Tiere. Neugierig beäugen sie uns. Schön sind sie in grüner Landschaft, im sanften Licht. Doch wie sich die Sehnsucht dadurch definiert, dass das Objekt, auf welches sie hinzielt, weit entfernt ist, so können wir auch hier die sehnsuchtsvoll betrachtete Idylle nur aus der Distanz des langen unbegehbaren Ganges sehen. Das ausgebreitete, geknüllte Seidenpapier erweckt die Assoziation an eine Schnee- oder Eislandschaft und stellt damit einen Gegensatz her zum Grün im Gehege der Tiere. Die Künstlichkeit der Installation wird verstärkt durch die Verzerrung der Projektion der weidenden Tiere an der Wand entlang, auf den Wandpfeilern und auf dem Boden. Sie macht irritierend deutlich, dass es sich eben nur um ein Projektion handelt, um das Bild, das wir uns von etwas machen. Auch die Gestaltung der Trennwand zum Raum hin sorgt für Befremdung. Dieser Gang ist überwiegend konstruiert aus Tarnnetzen. Die Blattformen, mit denen sie ausgestattet sind, dienen dazu, die Soldaten und ihre Waffen - oder im Bereich der Jägerei - den Hochsitz zu tarnen, in dem der Jäger mit der Flinte im Anschlag sitzt, die eben jenen Tieren den Tod bringt, welche wir am Ende des Ganges bestaunen. Die Blattformen aus der Natur sind zur Camouflage geworden für Akteure, die den Tod bringen.

Idylle und Bedrohung, Leben und Tod werden in dieser Installation subtil in Bezug zueinander gesetzt. Und konsequenterweise stellt sich die Frage, ob die Idylle der Rehe, die wir als schön aber gefährdet sehen, denn tatsächlich eine Idylle ist. Immerhin werden die Tiere im Gehege nicht um ihrer selbst willen gehegt, sondern um zu wachsen und zu gedeihen, damit sie einen guten Sonntagsbraten abgeben.

Der Blick, den uns die Künstlerin auf die Natur eröffnet ist vielschichtig und bildet einen Schwerpunkt nicht nur in dieser Installation sondern im ganzen künstlerischen Schaffen von Bärbel Hische. Sie thematisiert immer wieder den Bruch mit der vermeintlichen Idylle der Natur und umkreist dabei die Frage: Was ist Natur eigentlich für uns im 21. Jahrhundert?

Dr. Marion Hoffman
Auszug aus der Eröffnungsrede ArtForum, Offenburg